Wenn das Familienleben zur Bühne wird: Wie Babys und Kleinkinder auf Social Media landen und was das mit uns macht

Family Influencing

Es beginnt oft harmlos.
Ein Baby schläft friedlich im Kinderwagen, die Sonne fällt weich auf die kleinen Hände. Der Vater oder die Mutter zückt das Handy: «Nur kurz ein Foto für Oma.» Zwei Minuten später landet das Bild in der Instagram- oder WhatsApp-Story.
24 Stunden sichtbar.
Oder länger, wenn es im Highlight «Baby 2026» gespeichert wird.

Viele Eltern kennen diese Situation. Und viele kennen auch das Gefühl, dass Social Media irgendwie dazugehört. Als digitales Fotoalbum, als Austauschort, als Bühne. Doch was passiert, wenn aus «nur kurz ein Foto» ein Geschäftsmodell wird?

Genau das untersuchte die Studie von Dreyer et al. (2026) «Darstellung von Babys und Kleinkindern in monetarisierten Social-Media-Profilen». Sie legten den Fokus auf Babys und kleine Kinder im Alter von 0 bis 5 Jahren in monetarisierten deutschsprachigen Family-Influencer-Profilen auf den Plattformen Instagram, TikTok und Youtube. Family-Influencer/innen sind Personen, die ihren Familienalltag teilen und dabei kommerzielle Interessen verfolgen. Es wurden 10’095 Beiträge von 201 Family-Influencer/innen analysiert und sie konnten zeigen, dass Kinder längst Teil einer digitalen Ökonomie geworden sind, oft ohne es zu wissen und ohne zustimmen zu können.

In diesem Beitrag gehen wir vertieft auf die Studie ein und geben Tipps für den Alltag als Familie in den Sozialen Medien.

Wie oft werden Kinder auf Social Media gezeigt?

Kinder tauchen in monetarisierten Familienprofilen viel häufiger auf als vielen Eltern bewusst ist und genau das macht die Ergebnisse der Studie so relevant. Wenn man sich vorstellt, wie ein ganz normaler Tag mit kleinen Kindern aussieht, wird schnell klar, warum: Sie sind immer da. Sie laufen durchs Bild, sie sitzen auf dem Schoss, sie weinen, sie lachen, sie schlafen. Und genau diese Alltäglichkeit wird in Social-Media-Profilen zu einem dauerhaften Bestandteil des Contents.

Die Studie von Dreyer et al. (2026) zeigt, dass Kinder in 44 Prozent aller Beiträge vorkommen – also fast in jedem zweiten Post. Das bedeutet nicht, dass sie immer im Mittelpunkt stehen. Oft sind sie nur kurz zu sehen, vielleicht im Hintergrund, vielleicht als Anlass für eine Szene. Aber selbst diese kurzen Momente reichen auch, um sie sichtbar zu machen.
Gerade diese beiläufige Sichtbarkeit ist entscheidend. Denn sie zeigt: Kinder werden nicht nur dann gefilmt, wenn «etwas Besonderes» passiert. Sie werden gefilmt, weil sie Teil des Alltags sind, und dieser Alltag ist das Produkt.
Viele Eltern kennen das Gefühl, eine schöne Szene festhalten zu wollen: das Baby, das zum ersten Mal lacht, das Kleinkind, das stolz die Schuhe selbst anzieht. Doch in monetarisierten Profilen wird aus solchen Momenten ein wiederkehrendes Erzählmuster. Die Kamera läuft nicht zufällig, sondern regelmässig.

Besonders auffällig ist, dass Babys und Kleinkinder unter zwei Jahren überdurchschnittlich häufig gezeigt werden. Das ist kein Zufall. Sie wirken «authentisch», sie erzeugen Emotionen, und sie können sich nicht wehren. Sie protestieren nicht, wenn die Kamera auf sie gerichtet wird. Sie drehen sich nicht weg, sie sagen nicht «Hör auf zu filmen». Und genau deshalb sind sie so präsent. Die Studie zeigt, dass gerade diese Altersgruppe am häufigsten in Szenen vorkommt, obwohl Kinder in diesem Alter am wenigsten verstehen, was gerade passiert.

Warum YouTube besonders kritisch ist

Die Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Plattformen. Auf YouTube sind Kinder am häufigsten zu sehen. Das liegt an den längeren Vlogs, die den gesamten Tagesablauf abbilden: Frühstück, Kita-Weg, Mittagsschlaf, Abendroutine. Die Kinder laufen durchs Bild, spielen im Hintergrund, Toben oder weinen. Und all das wird Teil einer Erzählung, die nicht ihnen gehört.

Auf Instagram und TikTok sind die Auftritte kürzer, aber nicht weniger häufig. Ein Reel über «5 Tipps für den Alltag mit Kleinkind» zeigt fast zwangsläufig das Kleinkind selbst. Als Beispiel, als Illustration oder als emotionaler Anker.

Unkenntlich, aber trotzdem erkennbar

Viele Eltern versuchen, ihre Kinder zu schützen. Laut der Studie nutzen zwei Drittel der Influencer/innen Massnahmen wie Sticker, Verpixeln oder das Filmen von hinten. Doch gleichzeitig sind Kinder in rund einem Drittel der Beiträge identifizierbar.

Das liegt selten an böser Absicht. Es liegt daran, dass der Alltag komplex ist. Ein Gesicht ist verdeckt, aber der Name steht im Text. Das Kind ist verpixelt, aber die Wohnung, die Kita-Tasche oder die Stimme macht es erkennbar. Oder es wird nur manchmal unkenntlich gemacht. Je nachdem, wie gut es gerade in die Story passt.

Warum Sichtbarkeit im Netz nie neutral ist

Kinder tauchen nicht zufällig auf. Sie sind ein Reichweitenfaktor. Dreyer et al. Formulieren dies klar:

«Kinder fungieren als Authentizitätsnachweis, Interaktionsaspekt und Community-Verstärker» (S. 6)

Das bedeutet: Bildmaterial mit Kindern steigern Likes, Kommentare und die Bindung der Community. Sie machen Inhalte «echter». Sie erzeugen Emotionen. Und Emotionen erzeugen Klicks.

Auch wenn Eltern ihre Kinder oft nicht bewusst «einsetzen», werden sie Teil eines Systems, das Aufmerksamkeit belohnt. Und Aufmerksamkeit ist die Währung der Creator Economy.

Was bedeutet dies für die Kinder?

Selten ist die Darstellung von Kindern auf Social Media ein einmaliger Moment. Die geteilten Inhalte bleiben oft langfristig sichtbar und können auch Jahre später noch gefunden werden. Die Autorinnen und Autoren der Studie weisen darauf hin, dass so früh digitale Spuren entstehen, die später bei den Kindern potenzielle Auswirkungen auf:

Identitätsentwicklung
Kinder entwickeln ihr Selbstbild erst nach und nach. Wenn sie früh lernen, dass ihr Alltag öffentlich ist, kann das ihre Schamgrenzen und ihr Verständnis von Privatsphäre beeinflussen.

Bindung und Beziehung
Wenn die Kamera oft läuft, verändert das die Interaktion. Ein Wutanafall wird nicht nur begleitet, sondern dokumentiert. Ein schöner Moment wird nicht nur erlebt, sondern inszeniert.

Digitale Spuren
Jedes Bild, jedes Video, jeder Wutanfall, jede Krankheit bleibt potenziell für immer online. Auch dann, wenn das Kind später sagt: «Ich will das nicht.»

Kommerzialisierung der Kindheit
Kinder werden Teil eines Geschäftsmodells, ohne zuzustimmen.

Was Eltern aus der Studie mitnehmen können

Die Studie verurteilt Eltern nicht. Sie zeigt vielmehr, wie leicht man in ein System hineingerät, das man nicht vollständig überblickt. Und sie gibt Hinweise, wie Eltern ihre Kinder schützen können auch wenn sie Social Media weiterhin nutzen möchten.

  1. Intime Momente bleiben privat
    Wutanfälle, Tränen, Krankheit, Badewanne: Solche Szenen gehören nicht ins Netz.
  2. Konsequent unkenntlich machen
    Sticker, Blur, von hinten filmen. Immer und nicht nur manchmal.
  3. Keine identifizierbaren Details preisgeben
    Namen, Geburtstage, Wohnorte, Kita-Logos: All das macht Kinder erkennbar.
  4. Kinder nicht als Werbeträger nutzen
    Keine Produktplatzierungen mit Kind im Bild. Keine Reels oder Beiträge mit Baby auf dem Arm, in denen neu gekaufte Produkte präsentiert werden.
  5. Das Kind auch nonverbal mit einbeziehen
    Schon Kleinkinder zeigen deutlich, wenn sie gefilmt werden wollen.
  6. Vor jedem Post fragen: Muss das online sein?
    Eine einfache Frage, die viel verändert.
Hier findest du noch weitere Handlungsempfehlungen für deinen Alltag mit Kindern auf Social Media:

 

Referenzen
Dreyer, S., Lampert, C., Thiel, K., Altun, A., Kakavand, A., & Kessling, P. (2026). Darstellung von Babys und Kleinkindern in monetarisierten Social-Media-Profilen (Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts, 82). Verlag Hans-Bredow-Institut. https://doi.org/10.21241/ssoar.109268

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